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  • Die Konstitution des Wir

    photographic installation / lightsensitive b/w PE paper / C-Prints on textile / size variable / 2019
    Du beschreibst das Sammeln von „WIR“-Wörtern in verschiedenen öffentlichen urbanen Räumen, wie etwa in den Straßen aufgehängte Werbeposter, Ankündigungen von anarchistischen oder anderen politischen Gruppen. Wesentlich ist hierbei, dass diese Bilder nicht mit einer Kamera, sondern mit einem Handscanner gemacht wurden. Die Herstellung der Bilder basiert auf Berührung: Das Gerät arbeitet nur, solange sich die Hand, die den Scanner hält, über das zu scannende Material bewegt. Du hast aus allen schriftlichen Informationen die drei Buchstaben „WIR“ herausdestilliert. „Wir“ ist ein schwieriges und für mich sowohl das schönste als auch das grausamste Wort: Es schließt ein und es schließt aus – die Balance hängt von der Sprache ab, mit der es sich umgibt, und von der Perspektive, von der aus es betrachtet wird. Wann immer dieses Wort ausgesprochen oder geschrieben wird, hat es Auswirkungen auf seine Umgebung. Auch bei der einfachsten Auslegung steht es immer für eine Linie und man befindet sich entweder diesseits oder jenseits dieser Linie. Bei jeder Verwendung dieses Wortes hängt es von der gewählten Sprache ab, wer „wir“ sind. Es ist dieser übergreifende Aspekt von „wir“, den ich am interessantesten und auch am wichtigsten erachte: wie die verschiedenen „wir“ ineinandergreifen und sich mit anderen „wir“ und mit dem „wir“ von anderen mischen. Dieser wesentliche Prozess stellt unsere unterschiedlichen Identitäten, Logiksysteme und Affekte infrage und formt dadurch die Gesellschaft neu. Die Betrachtung der verschiedenen „Wir“ dieses Prozesses lässt mich an die Worte des niederländischen Philosophen Baruch Spinoza aus dem 17. Jahrhundert denken, der geschrieben hat, dass Affekte die Macht haben, sowohl zu berühren als auch berührt zu werden, das heißt, es besteht eine Beziehung zwischen einem aktiven (berührenden) und einem empfangenden (berührten) Akteur und eine Offenheit zwischen den beiden. In deiner Installation machst du das auf äußerst elegante Weise sichtbar, indem die gesammelten Wörter auf transparente Stoffe gedruckt werden, die auf lichtempfindliches Papier gelegt werden. Im Laufe der Ausstellung werden sich die Wörter auf dem Stoff in das Papier einschreiben und somit neue Formen des „wir“ entstehen lassen – durch Vervielfältigung, Teilung oder Verschmelzung. Dabei können die Wörter abstrakte Formen annehmen, die wortwörtliche Bedeutung kann verschwimmen oder gar verschwinden, ebenso ist es möglich, dass eine neue, ungeschriebene, nonverbale Kommunikation daraus entsteht. So wie das Pflänzchen unserer eigenen Kommunikation während es wächst sich gelegentlich windet, in verschiedene Richtungen dreht. Anna-Kaisa Rastenberger, 2019
    You described collecting the ‘WIR’ (or ‘we’) words from multiple places in urban public environments, such as posters on the streets or announcements by anarchist and other political groups. Importantly, the images of these words were produced via a hand-held scanner, not a camera. Touch is required for creating each image – the device scans only as long as the hand is moving and the scanner is in contact with physical material. You have distilled all the textual information down to the three letters ‘WIR’, or ‘we’. ‘We’ is a complicated word. In fact, I find it to be perhaps the most beautiful and the cruellest word in the language simultaneously. It’s inclusive and exclusive – the balance depends on the language surrounding it and on the perspective adopted. Every time this word is uttered or written, it inscribes politics on its surroundings. Even with the simplest translation, it represents a line, where some people are inside and others stand outside. With each use, who ‘we’ are hinges on the choice of language. This intersectional element of ‘we’ is the most interesting part, and it is the most important one also: how ‘we’s intertwine and merge into other ‘we’s and into others’ ‘we’s. This vital process calls our various identities, systems of logic, and affects into question, thereby reshaping society. As I consider the ‘how’s of this process, I recall the words of seventeenth-century Dutch philosopher Baruch Spinoza, who wrote that affect is the power ‘to affect and to be affected’. It encompasses relations between an active (affecting) and a receptive (affected) agent and the openness between the two. In your installation, you make this visible in a very elegant way, by printing the collected words on transparent cloth that has been laid atop the light-sensitive photographic paper. Over the course of the exhibition, the words from the cloth will merge into the paper, thus creating new ‘we’s – whether duplicative, dividing, or intertwined. The words might become abstract shapes, literal meaning may be rendered messy or empty, and new non-written and non-verbal communication might emerge. Just as the vine of our own communication twists and doubles back on itself from time to time as it grows. Anna-Kaisa Rastenberger, 2019